Förderverein bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V. Arbeitskreise Dortmund, Hattingen und Sprockhövel

Erb- und Wasserlösestollen: Funktion, Geschichte und Gegenwart

Nahezu alle Bergbaureviere haben untertägige Wasserlösestollen. Diese Stollen leiten das in den Grubenbauen anfallende Wasser in Oberflächengewässer ab. Die wichtigsten Wasserlösestollen haben nach ihrem zum Teil jahrhundertelangen Fortbestehen quasi die Funktion eines unterirdischen Drainagesystems. Der dauerhafte Erhalt der bergbaulichen Entwässerungseinrichtungen ist eine wesentliche Voraussetzung für stabile hydraulische und geotechnische Verhältnisse in den eingestellten Gruben und an der Tagesoberfläche. Er dient damit dem Schutz der Infrastruktur in den Bergbauregionen und mindert in erheblichem Umfang Schäden an Verkehrswegen, der Bebauung und Medienträgern.

Entstehung und Bedeutung der Wasserlösestollen während früherer Bergbauperioden

Bergbautreibende haben zur Entwässerung ausgedehnter Grubenbaue in verschiedenen Bergbauperioden Wasserlösestollen angelegt. Viele dieser Stollen dienten ausschließlich diesem einen Zweck. Zur Errichtung der Bergbauanlagen nutzten die Altvorderen auch hier im südlichen Ruhrgebiet insbesondere die gegebene Geomorphologie. Nach dem Abbau der oberflächennahen Kohle und dem Vordringen in immer weitere Tiefen war die Hebung des Grubenwassers mit seinerzeit vorhandenen technischen Mitteln nicht möglich oder unwirtschaftlich. Um diese Lagerstättenteile ohne Wasserhaltung abbauen zu können, errichteten die Bergbautreibenden Stollen zur Wasserableitung, die im natürlichen Gefälle bis in ein Tal mit notwendiger geringer geografischer Höhe führten. Verschiedene Entwässerungssysteme erweiterten sie neben den Hauptwasserlösestollen um Querschläge (Hilfsstollen) z.B. in benachbarte Flöze um mit einem Wasserlösestollen größere Bereiche zu entwässern und abbaubar zu machen. Nachteil dieser Methode ist, das wenn bis zur Wasserlösestollensohle die Vorräte abgebaut waren, ein neuer, tieferer und längerer Stollen gebaut werden mußte. Bei Bauzeiten von bis zu 100 Jahren wie beim Schlebuscher/Dreckbänker Erbstollen war eine weitsichtige und kapitalintensive Planung und Durchführung von Nöten. Der Vorteil indes war dann aber, das das Wasser von alleine durch die Schwerkraft abfloss, der Stollen gleichzeitig zur Bewetterung und Förderung genutzt und dann nur noch geringe Unterhaltungskosten zu Buche schlugen. Als weitere wichtige Funktion waren die Wasserlösestollen somit regelmäßig in die Wetterführung der angrenzenden Grubenbaue eingebunden, denn ohne ausreichende Frischluftzufuhr, wäre ein Abbau der Kohle ebensowenig möglich gewesen. Die Herstellung der Wasserlösestollen für die großen Grubenreviere nahm aufgrund ihrer Länge mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte in Anspruch.

Der Ausbau erfolgte je nach Perspektive der Lagerstätte in der Regel für mehrere Jahrzehnte. Im standfesten Gebirge errichtete Wasserlösestollen mauerten die Bergbautreibenden in der Regel nicht aus. Notwendig war das aber in den nicht standsicheren Bereichen, zum Beispiel dort, wo geologische Störungen in das Gebirge einfielen. Dort findet man noch heute zum Teil aufwändige und fein gearbeitete Ausmauerungen aus verwitterungsfesten Materialien. Die an den Stollen angeschlossenen Grubenbesitzer kamen im Regelfall für den Vortrieb und die Erhaltung der Wasserlösestollen auf. Durch Verordnungen war die Instandhaltung der Stollen geregelt. Einige Wasserlösestollen waren Erbstollen, was heute noch in den historischen Bezeichnungen nachvollziehbar ist. Besitzer dieser Stollen hatten das Recht, von Bergwerken, deren Wasser sie ableiteten, eine Abgabe, die so genannte Erbstollengebühr zu erheben. Voraussetzung für einen Erbstollen war mindestens eine Teufe von 10 Lachter und einer Spanne (ca. 21 m) von der Rasenhängebank (dort wo die Förderkübel an die Tagesoberfläche gezogen und "ebenerdig" entleert wurden) gemessen. Wenn schon ein Erbstollen vorhanden war, mußte der neue Stollen mindestens 7 Lachter (14,63 m) tiefer sein um von diesem die Erbstollengerechtigkeit und damit den Aspruch zumindest auf den neunten Teil der geförderten Kohle der angeschlossenen Gruben "vererbet" zu bekommen. Hierher rührt auch der Spruch "Der Stollen bringt seine Erbteuffe ein" oder "der Stollen wird enterbt".

Der Erbstollenbau wird durch seine große Bedeutung für den Bergbau in den Bergordnungen über die Jahrhunderte detailliert geregelt, beispielsweise in der „chursächsischen Stollnordnung“ von 1749.
So steht auch Im Caput XIV der Schlesischen Bergordnung von 1769 unter „Von Erbstollen, ihrer Gerechtigkeit und Erbteuffe,
§.1. Die Stollen sind die Schlüssel zu den Gebirgen und darin befindlichen Bergwerken, ...“. Wasserlösestollen wurden in den Mittelgebirgsregionen mit sehr hohen finanziellen Aufwendungen als „Jahrhundertbauwerke“ angelegt, z. B. Marcus Semmler Stollen (Revier Schneeberg), Rothschönberger Stollen (Revier Freiberg) Ernst August Stollen (Oberharzer Erzbergbau). Stollenlängen über 10 km sind keine Seltenheit. So erreichen die zehn längsten Stollen Sachsens mit ihren Flügelörtern eine Gesamtlänge von weit über 260 km.

Bei vielen angeschlossenen Gruben in größeren Bergbaurevieren war das Betreiben von Erbstollen mitunter so einträglich, dass sich für Bau und Unterhaltung der Stollen eigene Unternehmen gründeten. Mit welchem Aufwand Grubenbesitzer und der Staat die Entwässerungsstollen angelegt haben, zeigen einige Kenndaten für den Schlebuscher/Dreckbänker Erbstollen, der die komplette Erzkämper Mulde von der Ruhr bei Wetter bis zur Stadtgrenze Wuppertal „Am Horath“ auf über 16 km Länge entwässert und dessen Bau über 100 Jahre dauerte. Der gesamte Stollen hat eine Länge von fast 20 km, davon entfallen 12,6 Kilometer auf den Hauptstollentrakt und 7 km an Querschlägen und der Verlängerung vom Schacht Hövel bis zur Grenze bei Horath durch die Baue der Zeche Herzkämper Mulde. Die Errichtung fand über dutzende Lichtlöcher und tiefer getäufte alte Förderschächte statt,

Ab dem 01.07.1869 wurde die Neuverleihung von Erbstollen eingestellt. Durch die technischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Dampfmaschinen und des elektrischen Pumpenantriebes waren Neuauffahrungen von Wasserlösestollen hinfällig. Funktion der Wasserlösestollen in der Gegenwart
Die Bedeutung der Wasserlösestollen wurden in jüngerer Vergangenheit insbesondere bei Starkniederschlägen deutlich wo enorme Wassermenegen von diesen abgeleitet werden müssen.


Über Tagesöffnungen und Klüfte im Gebirge dringen immer wieder enorme Wassermassen in die Grubenbaue ein. Das Wasser mobilisiert dabei in großem Umfang Lockermassen sowie Eisenoxidschlamm und transportiert diese zu den tiefer liegenden Bereichen der Gruben. Durch den Wasserzustrom und damit einhergehenden großen Pegelschankungen, kommt es immer wieder zu zahlreichen Verbrüchen in den Gruben weil eine Vielzahl von Schächten mit ihrem Tiefsten unter Wasser geraten und vorhandene Lockermassenfüllsäulen in folge der Verringerung der Scherfestigkeit durch Wassersättigung auslaufen. Hierdurch und durch das Auslaufen von Versatz im Bereich des tagesnahen Bergbaus, der gegebenenfalls unter Wasser gerät, könnte es zu Einbrüchen an der Tagesoberfläche kommen. Diese Verbrüche und andere bereits bestehende Hindernisse wie losgerissene alte Holzeinbauten, insbesondere in den Wasserlösestollen, führen oft zum Zusetzen großer Teile der Grubenbaue. Das weiter zufließende Wasser staut sich auf und erzeugt Druck auf das umliegende Gebirge. Insbesondere in geologischen Störungszonen können sodann Grubenbaue bis an die Erdoberfläche aufbrechen, die bekannten Tagesbrüche. Dort entstehen zum Teil große Bruchtrichter. In Überschwemmungsgebieten können sogar über diese Tagesbrüche hochwasserführende Flüsse und Bäche abfließen. So bewahrten z.B. im sächsischen Münzbachtal gefallene Tagesbrüche die Stadt Freiberg vor einer größeren Überschwemmung. Im Gegensatz zum deutlich weniger verheerenden Hochwasser in der Region im Jahr 1897, standen Häuser im alten Muldenlauf bei Halsbrücke nicht unter Wasser. Die Wasseraufnahme der Grubenbaue in diesem Bereich muss bei dem extremen Wassergang der Freiberger Mulde erheblich gewesen sein. Im Zeitraum 12. August 2002 bis 30. November 2002 registrierte das Sächsische Oberbergamt 230 hochwasserbedingte Schadstellen. Darunter waren etwa 50 Schadensereignisse mit größerem Ausmaß, die jeweils Sicherungsaufwendungen ab einem höheren sechsstelligen Betrag zur Folge hatten. Der Verbruch des Rothschönberger Stolln im Bereich des Halsbrücker Spates, der zum Verschluss des Stollens führte, war der größte Einzelschaden infolge der Unwetterereignisse im August 2002. Die Gesamtschadensbilanz der Ereignisse an Grubenbauen zeigte, dass die Erhaltung der Funktionalität der Wasserlösestollen eine wesentliche Voraussetzung ist, stabile hydrologische und hydraulische Verhältnisse unter Tage zu erhalten. Diese sind Voraussetzung für die dauerhafte Standsicherheit der Grubenbaue und den Schutz der Tagesoberfläche mit allen Einrichtungen. Die Schadensbilanz der jährlich z.B. dem Sächsischen Oberbergamt gemeldeten Tagesbrüche zeigt einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Funktionsfähigkeit der Wasserlösestollen und dem Schadensgeschehen innerhalb der bergbaulich beeinflussten Regionen. Somit liegt es Nahe, das das blinde Verfüllen und Verpressen von Schächten durch Binder oder Beton unvorhersehbare Auswirkungen zur Folge haben kann.

Sicherung und Ausbau von bergbaulichen Entwässerungssystemen
Zur Minderung der Gefahren aus dem Altbergbau sollte somit ein präventiver Ansatz zur Sicherung und zum Ausbau der Entwässerungssysteme gewählt werden. Im südlichen Ruhrgebiet existierten etwa 600 Wasserlösestollen, von denen etwa 200 noch Entwässerungsfunktionen wahrnehmen müssen.
Für den überwiegenden Teil der Stollen gibt es heute entweder keine Rechtsverantwortlichen oder staatliche Abkommen, mit denen Sicherung und Ausbau gewährleistet sind. Oder die Rechtsnachfolger schauen einfach weg.
Dabei können durch Extremwassereinwirkungen auf die Stollenteile oder Stollenverbrüche sich im Über und im Untertagebereich erhebliche Schadenswirkungen einstellen. So im Übertagebereich:
Tagesbrüche der verschiedensten Art, Senkungen, Spaltenbildungen, Rutschungen, Wasser, Schlamm und Ockerfluten, Aktivierung  von Fließsandprozessen, Mobilisierung von Schadstoffen, Vernässungszonen, artesische Wasseraustritte, Gasaustritte. Untertagebereich:    voll  und    Teilverbrüche,    Massenumlagerungen im Stollen, Ablagerungen von Schlamm und Ocker, Veränderungen im Stollengefälle, Standwasserbildungen, Aktivierung von Fließsandprozessen.
Für Wasserlösestollen gelten die Grundsätze:
einmal Wasserlösestollen – immer Wasserlösestollen.
Je näher das schadensrelevante Hindernis am Mundloch ist, je höher das Risiko für ein größeres Schadensausmaß.
Auch für trockengefallene Stollen treffen diese Grundsätze zu, die durch Extremwasserereignisse oder Wasserwiederanstieg durch Flutung von Grubenbauen aktiviert werden können. Umso begrüßenswerter ist es, daß sich in letzter Zeit ehrenamtliche Vereine wie der Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V. oder der BGVR e.V. dieser zunächst einmal fast unsichtbaren Thematik theoretisch und praktisch angenommen hat.
Denn Wasserlösestollen stellen im Hinblick auf die sich verändernden Niederschlags und Hochwasserverhältnisse zukünftig eine große Aufgabe und Herausforderung zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit dar. Wasserlösestollen sind und bleiben altbergbauliche Ewigkeitslasten.

 

von Uwe Peise im Januar 2013

Quellen:
- Balthasar Rösler "Speculum Metallurgie Politissimum"
- Bericht des Sächsischen Oberbergamtes und des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (Referat Rohstoffgeologie) für das Jahr 2010
- DMT Tagungsband 12. Bergbauforum

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